Geschichten aus der Business Class:
Segelbacher mag Menschen
Segelbacher hat eine Gruppe von Studenten zu Besuch. Alles angehende Ingenieure, die Praxisluft schnuppern sollen, denen er mit einem Leuchten in den Augen seine Montagelinie vorführt. Er kann sich vorstellen, dass die meisten der Studenten von einer Zukunft als Forscher oder Erfinder in einer Entwicklungs- oder Konstruktionsabteilung träumen. Die Niederungen einer Produktion sind nicht das, was junge Ingenieure vor Augen haben. Das ist den meisten Studenten zu trivial. Aber Segelbacher bewegt sich hier wie ein Fisch im frischen Wasser. Seine Mannschaft ist wirklich sehr bunt mit ungefähr hundert Mitarbeitern. Eine bunte Mischung bedeutet im Detail zwölf Nationalitäten, alle Altersgruppen, Facharbeiter und dazu fast alle Fachrichtungen, die der Arbeitsmarkt zu bieten hat, alte Hasen in Kombination mit neuen Mitarbeitern mit Zeitverträgen und Leiharbeitern, die auf die Übernahme in ein attraktiveres Arbeitsverhältnis in einem Unternehmen mit vielen tariflichen Leistungen hoffen und darüber hinaus fast alle Schattierungen von Charakteren, die die Menschheit so zu bieten hat. Gemeinsam mit all diesen Menschen ein Fest zu organisieren, wäre sicher schon eine Herausforderung. Aber zu allem Überfluss wollen am Ende jeden Tages mindestens 250 Geräte unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichen „Zutaten“ und allerlei Störungen im Prozess montiert sein. Komplikationen gibt es jeden Tag und zwar viele davon. Immer, wenn Segelbacher meinte, alle zu kennen, kamen noch ein paar neue dazu. Davon und von vielen anderen technischen und organisatorischen Aspekten erzählte Segelbacher den Studenten mit Begeisterung, bevor er nach einer Stunde die Studentengruppe an den Leiter der Produktentwicklung weitergab und wieder in sein Büro zurückkehrte. Dort wartete Dreiss schon auf ihn, mit dem er die Leistungsbeurteilungen für das Team von Dreiss durchsprechen wollte. Er wollte Dreiss davor bewahren, in der Beurteilerkonferenz in der kommenden Woche aufzulaufen. In dieser Runde sollten die Beurteilungen aller Mitarbeiter der ganzen Montagelinie durchgesprochen, abgeglichen und verabschiedet werden. So wie Segelbacher ihn kannte, erwartete er, dass Dreiss nur exzellente Beurteilungen im oberen Drittel der Leistungsskala erstellt haben würde. So war es auch und Dreiss begründete seine Beurteilungen im Stile umfassender Gutachten, die allerdings bedauerlicherweise nicht vollständig waren. Es fehlten die kritischen Aspekte, die Fehler, die passiert waren, die Konflikte, die es gegeben hatte und die Terminverzögerungen, die es wegen der Truppe von Dreiss gegeben hatte. Und genau deshalb würde Dreiss in der Beurteilerkonferenz bei seinen Kollegen auflaufen. Das würden sie ihm nicht durchgehen lassen, denn genau wie in den anderen Teams gab es auch in Dreiss´ Team sehr unterschiedliche Mitarbeiter: Richtig tolle Kerle, von denen sie in der Montage ruhig mehr brauchen könnten, aber eben auch Sorgenkinder, die sie beide das Jahr über immer wieder beschäftigten. So verschieden waren die Menschen eben, mit denen sie beide arbeiteten. Diese Unterschiede würden auch bleiben, selbst wenn sie sich größte Mühe in der Ausbildung und Entwicklung ihrer Leute geben würden. Segelbacher versuchte es Dreiss so zu erläutern: „Weißt du, ich mag Menschen, und weil ich sie mag, muss ich ihnen auch sagen, wo sie stehen, wo sie noch etwas lernen können oder sich auch verbessern müssen, damit sie bei uns auf dem Spielfeld sein können.“ Und während er das so sagte, wusste er, dass Dreiss noch lange brauchen würde, um sich diese Sichtweise zu Eigen zu machen. Dreiss mochte Menschen auch, aber genau deshalb wollte er es sich mit ihnen nicht verderben. Vielleicht hatte er auch einfach noch Angst davor, kritische Punkte anzusprechen, weil er meinte, dass er dann ihre Unterstützung verlieren würde. Aber auch das würde Dreiss noch lernen. Da würde er selbst am Ball bleiben müssen, das wusste Segelbacher, denn er mochte Menschen – auch Dreiss.