Geschichten aus der Business Class:
Sanders Wüstenmission
Sander kommt durch das Gate, doch sein suchender Blick findet sein Ziel nicht. Allerdings erwartet er auch nicht, dass „Weißer Mokassin“ es dieses Mal schaffen würde, ihn pünktlich abzuholen. Das wäre die Ausnahme von der Regel gewesen und Sander kennt das Spiel. Ungeachtet irgendwelcher Organigramme ist „Weißer Mokassin“ der Häuptling hier. In diesem arabischen Dorf bei Tunis ist er der Chef und er wird sich nicht in die Hierarchie der Femitex einfügen – nie. Deshalb geht Sander zielstrebig Richtung Ausgang, und noch vor der Drehtür spürt er die Hitze des asphaltierten Vorplatzes und wieder bestätigt sich: Es ist ihm zu warm in Tunis. Sander kann Hitze nicht ausstehen, und er braucht das digitale Thermometer unter der BMW-Werbung nicht anzuschauen, um zu wissen, dass es mehr als seine Wohlfühltemperatur von maximal 26°C anzeigt. Das alleine reicht ihm schon aus für einen Schweißausbruch, aber der ihm entgegenkommende Häuptling „Weißer Mokassin“ Hinzentobler beschleunigt seinen Stimmungseinbruch noch. Wehenden Haares und mit ausgebreiteten Armen eilt er Sander entgegen. Das weite, weiße Hemd ist bis knapp über den Bauchnabel aufgeknöpft. Auf der haarigen, braunen Brust baumelt an einer dicken Goldkette ein Kreuz, das durch mehrere Goldringe an beiden Händen und eine massive Goldkette am rechten Handgelenk ergänzt werden. Die dicke Rolex am linken Handgelenk ist das Tüpfelchen auf dem i. Ob es sich um eine echte Rolex oder eine Imitation handelt, kann Sander nicht beurteilen. Das spielt auch keine Rolle, denn Hinzentobler trifft in keinem Fall und in keiner Hinsicht Sanders Geschmack, aber er zieht seinen Stil durch - weiße Hosen, weiße Schuhe (wahrscheinlich italienisch und handgenäht) und weißer 7er BMW (älteren Baujahrs) mit Weißwandreifen und weißen Ledersitzen. Wortreich entschuldigt sich Hinzentobler in seinem breiten Kärntner Dialekt für seine Verspätung. „Sie wissen ja wie es hier zugeht!“ ist das Fazit. Ja, denkt sich Sander, eben, ich weiß wie es hier zugeht. Hinzentobler wird vorschlagen, auf dem Weg ins Werk noch einen kurzen Halt in einem Kaffeehaus zu machen, aus dem dann ein längeres Sit-in mit Hinzentoblers lokalen Freunden werden würde. Dann würde es sich nicht mehr lohnen, noch vor dem Mittagessen ins Werk zu fahren. Sie würden dann direkt zu Hinzentoblers Haus fahren, das die Firma ihm zur Verfügung stellt. Dort würden sie ausgiebig essen - reizvoll, denn Hinzentoblers von der Firma bezahlte Haushälterin kocht wunderbar arabisch. Ein Traum – und anschließend? Wegen der Mittagshitze würden sie noch plaudernd im Garten im Schatten sitzen und der Tag würde vorbeigehen. Das sind Hinzentoblers Rituale, wenn die Chefs zur Visite kommen – einlullen, dann wieder verabschieden und weitermachen wie bisher. Bisher hat das auch gut funktioniert und Hinzentobler hat seinen Hintern immer wieder gerettet. Aber nach dem Tod des alten Breuer haben die Erben beschlossen, nicht zu verkaufen, sondern die Firma wieder profitabel zu machen. Aller Ehren wert, aber mit einem Lokalfürsten wie Hinzentobler, der es sich in seiner Bequemlichkeit wunderbar eingerichtet hat, geht dieser Plan nicht auf. Da ist sich Sander sicher. Die Agenda für den Besuch ist dieses Mal straff und Hinzentobler steht auf der Kippe – er weiß es nur noch nicht. Die Hitze flimmert auf dem Asphalt der Straße vom Flughafen zu der Industrieagglomeration im Umland von Tunis. Eselskarren und schwer beladene Fahrräder teilen sich den Randstreifen der Autobahn mit einem Pannen-LKW. Auf einem Minarett rechts von der Straße ruft ein Muezzin die Gläubigen zum Gebet und Hinzentobler schlägt vor, auf dem Weg zur Fabrik noch einen Mokka zu nehmen. „Jetzt oder nie!“ denkt sich Sander und sagt: „Nein, wir haben ein straffes Programm. Wir fahren direkt zur Fabrik.“ Hinzentobler schaut ungläubig zu Sander auf dem Beifahrersitz hinüber und beginnt zu ahnen, dass dieser Besuch aus der Zentrale anders verlaufen wird. „Für die Mittagszeit“, meint Sander, „lassen wir uns einen Imbiss ins Büro kommen.“ „Autsch“, denkt sich Hinzentobler, „da ist wohl etwas im Busch! Jetzt wird es unbequem.“ – und fängt an zu überlegen, dass er Nordafrika ohnehin noch nie gemocht hatte und der weiße BMW auch nach Asien verschifft werden könnte. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, die Pferde zu wechseln.